Die Schweizerische Usability-Landschaft: Warum Usability-Standards oft hinter dem Ball bleiben
In der Schweiz wird Usability immer wieder als entscheidender Erfolgsfaktor für digitale Produkte und Dienstleistungen diskutiert – doch die Realität zeigt: Viele Unternehmen setzen auf veraltete Methoden oder oberflächliche Optimierungen. Während internationale Standards wie die quelle von Usability-Experten wie Jakob Nielsen oder Don Norman als Goldstandard gelten, fehlt in der Schweiz oft eine klare, systematische Herangehensweise. Die Gründe sind vielfältig: eine fragmentierte Branche, die zwischen traditionellen Schweizer Dienstleistungsmodellen und der globalen Digitalisierung hin- und hergerissen ist, sowie ein Mangel an fundierten Studien zu lokalen Usability-Problemen.
Laut einer Studie des Marktforschungsinstituts Swisscom Research aus dem Jahr 2022 leiden etwa 60 % der Schweizer Websites unter Usability-Schwächen, die zu hoher Absprungrate und niedriger Kundenbindung führen. Besonders betroffen sind Banken, Versicherungen und öffentliche Institutionen, wo komplexe Prozesse wie Online-Banking oder Formulare oft unübersichtlich gestaltet sind. Während internationale Player wie Swisscom oder UBS bereits auf moderne UX-Design-Prinzipien setzen, hinken viele kleinere Unternehmen hinterher. Die Gründe liegen oft in der fehlenden Priorisierung von Usability oder der Überzeugung, dass „gut aussehen“ bereits ausreiche.
Ein konkretes Beispiel zeigt die Unterschiede auf: Während die Schweizer Post ihre Online-Shops nach international anerkannten Usability-Standards umgestaltet hat, kämpfen viele lokale E-Commerce-Plattformen mit unklarem Layout, fehlenden Suchfunktionen und überladenen Menüs. Laut einer Analyse der Swiss eCommerce Association (SECA) sind allein in der Region Zürich über 80 % der kleinen Online-Shops von diesen Problemen betroffen. Die Folge: Kunden verlassen die Seiten nach nur drei Sekunden – ein Wert, der deutlich unter den globalen Benchmarks liegt.
Doch es gibt auch positive Entwicklungen: Seit 2021 fördert das Bundesamt für Kommunikation (Bekom) gezielt Usability-Projekte in der öffentlichen Verwaltung, und mehrere Schweizer Universitäten wie die ETH Zürich oder die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) bieten spezielle Studiengänge im Bereich Human-Computer Interaction (HCI) an. Dennoch fehlt noch eine zentrale Plattform, die Schweizer Usability-Standards definieren und weiterentwickeln könnte. Während internationale Player wie Useria bereits seit Jahren lokale Usability-Experten vernetzen, bleibt die Schweiz oft auf der Strecke.
Die Lösung liegt in einer Kombination aus mehr Forschung, klaren Richtlinien und einer stärkeren Zusammenarbeit zwischen Unternehmen, Universitäten und Behörden. Ein Beispiel für Best Practice ist das Projekt „Swiss Usability Lab“, das an der ZHAW entwickelt wird: Es kombiniert empirische Usability-Studien mit praktischen Workshops für Unternehmen. Solche Initiativen könnten helfen, die Lücke zwischen Theorie und Praxis in der Schweiz zu schließen – und damit die digitale Wettbewerbsfähigkeit des Landes nachhaltig zu verbessern.
Die Frage ist: Wie lange wird die Schweiz noch hinter den internationalen Usability-Standards zurückbleiben – oder schafft sie es, diese als Vorreiter zu etablieren?
- Laut SECA leiden über 80 % der Schweizer kleinen Online-Shops an Usability-Problemen.
- Die Absprungrate auf Schweizer Websites liegt bei durchschnittlich 3 Sekunden – deutlich unter dem globalen Durchschnitt von 5 Sekunden.
- Seit 2021 fördert das Bekom gezielt Usability-Projekte in der öffentlichen Verwaltung.
- Die ETH Zürich und die ZHAW bieten seit Jahren Studiengänge im Bereich HCI an.
- Nur etwa 30 % der Schweizer Banken und Versicherungen setzen auf moderne UX-Design-Methoden.
